Die 10-stufige Hierarchie von 25 visuellen Gestaltfaktoren als implizit erworbenen Gedächtnisinhalten
1. Die Ontogenese der Figur/Umfeld- Faktoren durch Einprägung der Beziehungen und Beziehungs- Beziehungen zwischen den Rezeptoren-Erregungen
Im Kapitel II wurden die Gestaltfaktoren als "einfach vorhanden" dargestellt, jetzt soll ihre Entstehung beschrieben werden. Die Neue Gestaltpsychologie des Sehens, wie in der ETVG dargestellt, ist eine empiristische Theorie, d. h. sie leitet die Gestaltwahrnehmung als Ergebnis individueller Lernprozesse in den ersten Lebenswochen und -monaten ab. Versuche empiristischer Erklärung hat es bereits vor der AG gegeben, aber die AG konnte nachweisen, dass die Hypothesen der damaligen "Assoziationstheoretiker" den Tatsachen widersprachen. Wenn dieselben Tatsachen nicht auch der empiristischen Erklärung durch die NG widersprechen, so liegt das daran, dass sowohl die AG als auch ihre damaligen Meinungsgegner, ja sogar noch viele heutige Psychologen, eine falsche, weil eingeschränkte, Vorstellung von Lernprozessen haben. Sie meinen nämlich, ausschließlich Erlebtes, Bewusstes, könne eingeprägt werden. Träfe das zu, würden sie mit ihrer Kritik allerdings recht haben. Gewiss wird auch Erlebtes eingeprägt ("explizites" Lernen); es geschieht nach der NG in der Welt ICC der phänomenalen Sw. Tatsächlich aber wird auch Nicht-Erlebtes eingeprägt ("implizites" Lernen), wie die Versuche an den Pawlowschen Hunden beweisen. Dies geschieht nach der NG in der Welt PF der funktionalen Sw.; und erst wenn nachfolgende Reize diese implizit entstandenen Gedächtnisinhalte aktualisieren, kann das so Eingeprägte auch erlebt werden - in der Welt PC. Nur explizit Erlerntes kann erinnert werden, nicht aber implizit Erlerntes, denn die implizit eingeprägten Beziehungen sind vor ihrer Einprägung zwar objekt gegeben, werden aber nicht erlebt. Alles was in der Gestaltwahrnehmung geschieht, geschieht in der (vorbewussten) funktionalen Seinsweise, nicht in der (bewussten) phänomenalen Seinsweise, ist also nur erlebenstranszendenter und nicht, wie die AG glaubt, erlebensimmanenter Erklärung zugänglich. Implizite Lernprozesse machen explizite erst möglich, denn ICC baut auf PC auf. Im Folgenden werden die ersten impliziten Lernprozesse im visuellen Wahrnehmungssystem beschrieben.
Die Lernprozesse folgen einem in Vergessenheit geratenen Gedächtnisgesetz von Ebbinghaus. Nach diesem (etwas abgewandelten) Gesetz prägen sich Beziehungen zwischen Gegebenheiten nach Maßgabe der Häufigkeit ihrer zeitlichen und räumlichen Zusammenbefindlichkeit (Kontiguität) ein. Dies gilt schon für die Z-Funktionen, die Erregungen der Y-Materien, d. h. der Neurone incl. Rezeptoren. An allen kleinen und kleinsten Stellen der Retina verbinden sich die Z-Körperfunktionen der "Welt" VF "assoziativ" miteinander und bilden eine funktionale Ganzheit, einen Gedächtnisinhalt. Eine Ganzheit ist dadurch gekennzeichnet, dass sie "mehr als die Summe ihrer Teile" ist. Dieses "Mehr" soll "P" als Symbol erhalten; die "Teile" stammen aus den vier Z-Funktionen und werden dem P als Indices angehängt. Der neue Faktor wird also symbolisch als "Pmdlt" gekennzeichnet und bildet die funktionale Grundlage des Erlebnisses "Hier (l) vorn (d) ist (P) jetzt (t) was (P) Helles (m)". (Farbwahrnehmung kann als Subqualität von Helligkeit angenommen werden; denn alles Farbige ist auch hell, aber nicht alles Helle ist auch farbig). Pmdlt ist der erste psychische Faktor (PF), der erste implizit erworbene Gedächtnisinhalt = "Gestaltfaktor" des visuellen Systems. Das "Mehr" (P), das zu den von den Körperfunktionen (m,d,l,t,) vermittelten Aspekten hinzukommt, ist das "Ist was"; d.h. mit Pmdlt kann die Reizquelle (das Objekt der Umwelt) hier und jetzt in der Weise des Hellseins "entdeckt" werden, so dass sich das Baby ihr "aufmerksam zuwenden" kann. (Zuwendung zum Außenweltobjekt ist ebenfalls eine genetisch vorgegebene Verhaltensweise). Der so entstehende Gedächtnisinhalt Pmdlt fungiert danach u.a. als Helligkeits-Detektor. Mit der Bildung des Helligkeits-Gestaltfaktors P ist nicht zugleich auch ein Helligkeits-Erleben verbunden. Die spezifischen Gestaltfaktoren (die psychischen Funktionen PF) erzeugen erst dann ihre spezifischen "Gestaltqualitäten" der Welt PC, wenn sie durch nachfolgende Reize "aktualisiert" werden.
Jenes Lerngesetz gilt auch für die vielen einzelnen neu entstandenen P-Funktionen an den vielen Retinastellen (einzelne Rezeptoren oder Rezeptoren-Gruppen). Welche Beziehungen zwischen den Helligkeitsfunktionen " P" es sind, die sehr häufig auftreten, kann ein Beobachter der Retina leicht feststellen; auf der Retina bilden sich ja die Objekte der Umwelt ab. Die Objekte haben eine bestimmte Struktur, die sich teilweise in der optischen Projektion der Objekte auf der Retina wiederfindet. Ein retinales Objektabbild besteht meistens aus einer meist kleinen und meist homogenen Fläche, die sich durch eine meist scharfe (inhomogene) Kontur (Grenzlinie) gegen die meist große Umgebung abgrenzt. Die Betonung von "meist(ens)" ist völlig berechtigt, denn nur die am meisten vorkommenden Beziehungen prägen sich ja am stärksten ein.
In Abb. 3 und 4 werden von P an zum Zwecke der Vereinfachung die Tiefen- und die Zeitaspekte unberücksichtigt gelassen und nur die Gestaltfaktoren für die statische, 2-dimensionale Figur/Umfeld.-Wahrnehmung dargestellt. (Deswegen wurden in Abb. 3 bereits die Faktoren mit d- und t-Aspekten fortgelassen, und der P-Faktor selbst enthält nur noch die Indices m und l.). Nach Bildung des Faktors Pml fragt sich der Beobachter (der Theoretiker): Welche Beziehungen zwischen den Pml (Helligkeiten an Orten) kommen sehr häufig vor? Es sind die Unterschiede der Helligkeiten und der Orte, also die Differenzen D der Modalität m (Dm) und der Lokalität l (Dl), die eingeprägt werden. Erst nachdem die Gedächtnisinhalte (= Gestaltfaktoren) Dm und Dl gebildet worden sind, kann das Baby Dm und Dl auch erleben. Die Bildung von Dm und Dl erfolgt unbewusst, besser gesagt: vorbewusst; denn nicht Erlebnisse z.B. von Helligkeitsunterschieden Dm werden eingeprägt, sondern die nicht-erlebten Unterschiede von (mit Pml erlebten) Helligkeiten. (Auf die Beziehung zwischen den bekannten Erlebenstatsachen und ihren unbekannten funktionalen Existenzbedingungen kann nicht oft genug hingewiesen werden, denn im mainstram der Wissenschaft und Philosophie ist die funktionale Seinsweise völlig unbekannt; man muss sich an sie als notwendigen Erklärungsgrund für eine große Menge von Fakten erst "gewöhnen".)
Im nächsten Lernschritt prägt sich das Baby nun auch die häufigsten Beziehungen zwischen den erlebten Helligkeitsunterschieden und Ortsunterschieden ein. Es lernt, dass häufig nahe beinander gelegene Helligkeiten/ Farben einander gleich oder doch fast gleich sind (denn die meisten Objekte haben ja eine bestimmte Eigenfarbe = kleines Dm über große Dl hinweg). Und es lernt, dass sich häufig unmittelbar nebeneinander zwei sehr unterschiedliche Helligkeiten bzw. Farben befinden (= großes Dm bei kleinem Dl). Dies ist so an den auf die Retina projizierten Objekträndern. Diese neuen Gedächtnisinhalte (=Gestaltfaktoren) werden als "lokale Helligkeitsgradienten" (Gml) bezeichnet. Die durch nachfolgende Reize aktualisierten großen Gml werden als "Inhomogenitäten" erlebt, die kleinen Gml als "Homogenitäten". Im nächsten Lernschritt prägt sich das Baby die häufigsten Beziehungen sowohl zwischen den Inhomogenitäten als aucn zwischen den Homogenitäten ein. Jene befinden sich in einer Reihe (großes Ll), diese in einem Haufen (kleines Ll) angeordnet. Die Reihenbeziehung führt zum Erlebnis "(Grenz)Linie", die Haufenbeziehung zum Erlebnis "Feld". Es gibt zwei solcher Felder neben einer Grenzlinie, d.h. die Linie grenzt zwei Felder von einander ab.
Die im nächsten Schritt erlernten Beziehungen zwischen der Linie und "ihren" beiden Feldern besteht in einer doppelten Umschließung (Fl): Die Linie umschließt das kleinere der Felder, und beide werden ihrerseits vom größeren Feld umschlossen. Die Aktualisierung der Gedächtnisinhalte (=Gestaltfaktoren) Pml bis Fl in der funktionalen Sw führt zum Erlebnis (Perzept) "Figur in ihrem Umfeld" in der phänomenalen Sw, wobei die Figur aus Kontur und Infeld besteht. So ist die "Figur in ihrem Umfeld" das individuell erlernte Abbild des "Objekts in seiner Umgebung". Das Perzept (in der Welt PC) ist stets ein ganzheitliches, was durch die ineinander verschachtelten Ellipsen angedeutet wird.
Mehr zur Ontogenese des Figur/Umfeld-Perzepts: hier
2. Ontogenese der Orientierungs- und Formfaktoren durch Einprägung der Beziehungen und Beziehungs- Beziehungen zwischen den prä-sakkadischen Augenmuskel- Innervationen
Die AG hat durchaus erkannt, dass Figur und Form zwei unterschiedliche Gegebenheiten sind. Metzger (1966, S.697) schreibt von Wertheimer: "Er erkennt schon, daß Gestalt bzw. Form eine Sekundärkategorie ist, der als Primärkategorie die Zusammengefaßtheit bzw. die Ausgrenzung vorausgeht". Mit "Zusammengefaßtheit" und "Ausgrenzung" ist in der AG "Figur" gemeint. Hiernach muss ein hierarchisches Verhältnis zwischen Figur und Form angenommen werden, derart, dass die Form wenigstens eine Hierarchiestufe oberhalb der Figur angesiedelt ist, was bedeutet, dass es geformte und ungeformte Figuren gibt, nicht aber figurlose Formen. Eine solche theoretische Konsequenz hat die AG nie gezogen, weder die Berliner noch die Leipziger Schule. Die Leipziger definierten "Figur" bzw. "Gestalt" als etwas, das durch Abgesetztheit und Gegliedertheit (so viel wie Geformtheit) gekennzeichnet ist. Da Sander Kreis und Gerade als nicht-gegliederte Figuren ansah, sprach Sander (1928), um die Definition zu retten, von "fließender Gliederung" und Volkelt von "Gliedverschliffenheit" - in offensichtlicher Abkehr von aller Gestaltpsychologen Grundsatz des Primats des Phänomenalen; denn von einem Fließen oder von Schleifspuren ist bei einem Kreis und einer Geraden nichts zu sehen.
Für die NG ist das theoretisch geforderte hierarchische Verhältnis von Figur und Form wesentliches Strukturmoment. Beide, die Gestaltfaktoren sowohl der Figur- als auch der Formwahrnehmung, entstehen auf Grund impliziter Lernprozesse, diese folgen auch demselben Lerngesetz. Die Lernprozesse beziehen sich jedoch auf unterschiedliches Lernmaterial. Wahrend die Figurfaktoren durch Einprägung der Beziehungen und Beziehungs- Beziehungen zwischen den Rezeptoren-Erregungen entstehen, so die (Orientierungs- und) Formfaktoren durch Einprägung der Beziehungen und Beziehungs- Beziehungen zwischen den prä-sakkadischen Augenmuskel- Innervationen beim "Wandern" der Augen von einer Figur zur anderen.
Abb. 5. zeigt die Gesamthierarchie der visuellen Gestaltfaktoren, zwar ohne deren antagonistischen Unterfunktionen (Abb. 4), dafür in Ergänzung bisheriger Abbildungen einschl. der Hierarchie der Faktoren für die Tiefen(d)- und die Zeit(t)-Wahrnehmung. Diese sollen auch jetzt nicht näher behandelt werden, ebenfalls nicht die Faktoren der 6. bis 10. Hierarchiestufe. Sie werden in der ETVG aus jenem Gedächtnisgesetz abgeleitet, hier soll wenigstens ihr hierarchischer Aufbau beschrieben werden.

Abb. 5: Die 3-stufige Hierarchie von 4 Körperfaktoren und die 10-stufige Hierarchie von 25 psychischen Faktoren ("Gestaltfaktoren") als Bedingungen des visuellen Perzepts
Der Faktor Fl wird ausgebildet, indem das Baby bereits das kleinere der beiden Felder (also das Infeld=Objekt und nicht das Umfeld) anblickt. In diesem Fall bildet sich das Objekt (oder der angeblickte Objektteil) auf der Fovea der Retina ab, der Stelle des deutlichsten Sehens. Wie Abb 5 zeigt, ist der nächste Gestaltfaktor nach Fl der Quantitätsfaktor Q, dessen Subfunktionen Q1 bis Q4 eine bis vier peripher abgebildete Figuren simultan detektieren lassen - als ein- oder mehrteilige Ganzheiten, nämlich als "Einsheit", "Zweiheit", "Dreiheit" , "Vierheit" (Man kann auch einige mehr als 4 simultan wahrnehmen). Erscheint 1 Figur (und nur 1) peripher, so wird das Auge "automatisch" (d.h. genetisch bedingt) so gedreht, dass diese Figur zentral angeblickt wird. Hierfür sind Innervationen der vertikal drehenden und der horizontal drehenden Augenmuskeln erforderlich. Diese häufig (bei Blickbewegungen stets) erfolgenden Innervationen prägen sich ein Allerdings heben sich die gleich häufig vorkommenden und einander antagonistischen "nach-links"- und "nach-rechts"- Innervationen gegenseitig auf. Es bilden sich somit nicht Gestaltfaktoren, die man als "Links-Faktor" und als "Rechts-Faktor" bezeichnen könnte (Entsprechendes gilt für die oben-unten-Innervationen). Es bilden sich vielmehr die Gedächtnisinhalte (Gestaltfaktoren) "Horizontalität" (H) und "Vertikalität" (V) , denn die horizontalen und die vertikalen Innervationen sind zueinander keine Antagonisten, können sich also nicht gegenseitig aufheben. Allerdings können sie sich kombinieren zum Faktor "Schrägheit" (T), die eine von der Horizontalen und Vertikalen um 45° bzw. 135° abweichende Orientierung besitzt. Wir haben es bei V, H, und T also nicht mit Richtungs-Faktoren, sondern mit Orientierungs-Faktoren zu tun, die die relative räumliche Lage von zwei (Q2) Reizen (Figuren) als sowohl von links nach rechts gehend als auch von rechts nach links gehend detektieren (für "oben-unten" gilt Entprechendes). Da die Innervationen nicht nur die Orientierung der Blickbewegungen, sondern auch deren Ausmaß beinhalten, prägt sich auch die Gleichheit des Ausmaßes (Länge, Abstand) bei der Hin- und Her-Bewegung zwischen zwei (Q2) Reizen ein (Gestaltfaktor "Erstrecktheit", E). Bei Innervationen für die Augenbewegungen zwischen drei simultan wahrgenommenenn Figuren A, B und C entstehen neue Beziehungen, nämlich solche, die sich aus den Bewegungen A>B und nachfolgender Bewegung B>C (und umgekehrt) ergeben. Sie führen zu den Gedächtnisinhalten (Gestaltfaktoren) "Geradheit" (S) und "Maßgleichheit" (M). Zwischen vier simultan wahrgenommenen Figuren (Reizen) gibt es wiederum neue Beziehungen, deren Häufigkeiten im statistischen Mittel "Rechtwinkligkeit" R+) und "Parallelität" (R-) ergeben - so die Bezeichnungen der entstehenden Gedächtnisinhalte bzw.Gestaltfaktoren der 10. Hierarchiestufe. Die Bezeichnungen der Gestaltfaktoren sind halt Namen, die nur Hinweise auf deren Bedeutungen enthalten, nicht aber die Bedeutungen selbst angeben. Welche Bedeutung sie für die Gestaltfaktoren wirklich besitzen, wird im folgenden Abschnitt beschrieben.
3. Informative, formative und normative phänomenale Wirkung der Gestaltfaktoren
In der AG heißt es zu den empirisch gefundenen Tatsachen, die den Zusammenschluß von einzelnen Teilen zu einem Ganzen betreffen: Er "erfolgt derart, daß die entstehenden Ganzen in irgendeiner Weise vor anderen denkbaren Einteilungen gestaltlich ausgezeichnet sind" (Metzger 1954, S.108). Elemente fügen sich z.B. so zusammen, dass einfache, geschlossene, symmetrische, ebenbreite, konzentrische, sich in die Hauptrichtungen des Raumes einfügende, nach Farbe und Form gleichartige Ganzgebilde entstehen. Diese werden als "prägnant" bezeichnet, die entsprechende Regel, nach der dies geschicht, als "Prägnanzregel" oder "Gesetz der guten Gestalt" bzw. der größten Ordnung. Auf jeden Fall gehört, wie zu Anfang berichtet, eine "Prägnanztendenz" bzw. "Gestalttendenz" zu den von AG und NG akzeptierten Fakten. "Der Begriff der Prägnanz (ist) nicht ersetzbar", sagt Metzger (1954, S. 111).
Die NG kann "Prägnanz" zwar als eine Erlebenstatsache akzeptieren, nicht aber als einen Begriff, dazu noch als einen Grundbegriff. "Prägnanztendenz" dagegen ist keine Erlebenstatsache, sondern ein theoretisch brauchbarer Begriff, weil er angibt, dass unter bestimmten Umständen bestimmte Reizbeziehungen nicht in gleicher Weise auch erlebt werden, sondern dass das Erleben von ihnen in Richtung auf die o.a. "prägnanten" Erlebensweisen abweicht. So werden Winkel etwas "rechtwinkliger", das Infeld einer Figur farblich gleichartiger ("homogener") oder geschlossener wahrgenommen, als den Reizbeziehungen entspricht. Diese Abweichungen selbst können nicht erlebt, sondern nur in Experimenten vergleichend (im ICC) erkannt werden, denn ein unmittelbarer Vergleich mit den (objektiven) Reizen ist im (subjektiven) Wahrnehmungserleben (des PC) nicht möglich. Diese Abweichungen der erlebten Beziehungen von den Reizbeziehungen sind nach der NG phänomenale Wirkungen von Gestaltfaktoren, und zwar ihre "formativen Wirkungen". Entspricht eine Reizgegebenheit bereits "voll und ganz" den "Prägnanztendenzen" - ein Quadrat kann nicht rechtwinkliger als rechtwinklig (gem. Faktor R) sein, eine Figurkontur nicht geschlosener als geschlossen (gem. Faktor Fl) - dann wird das resultierende "Prägnanz"-Erlebnis der "normativen Wirkung" des jeweiligen Gestaltfaktors zugeschrieben.
Die NG kennt eine weitere phänomenale Wirkung des Gestaltfaktors, und diese ist seine Hauptwirkung: die "informative Wirkung". Jeder Gestaltfaktor bewirkt ja, dass man überhaupt etwas Bestimmtes erlebt, und zwar die für ihn spezifische Gestaltqualität. Der Faktor Dm bewirkt z. B. für das Figur-Infeld ein Homogenitäts- Erlebnis und für die Kontur ein Inhomogenitäts -Erlebnis, der Faktor S nicht nur Geradheit, sondern auch Geknicktheit. Dies ist seine "qualitativ- informative" Wirkung". Der Wahrnehmende erlebt die Gestaltqualitäten auch mit einer gewissen Intensität, so kann er erleben: "Dieses Feld ist überall von völlig gleicher Farbe, ist absolut homogen", oder er kann erleben: "Die Fläche enthält unterschiedliche, aber doch sehr 'ähnliche' Farben". Und eine Kontur kann als "scharf" oder "verschwommen" erlebt werden. In solchem Erleben drückt sich die "quantitativ- informative" Wirkung des Gestaltfaktors Gml aus. In jedem Falle informiert ein Gestaltfaktor relativ "veridikal" ("reizadäquat") über die für ihn spezifischen Umweltaspekte. Seine formative Wirkung ist relativ nebensächlich, sie mindert die Veridikalität der informativen Wirkung allerdings etwas. Die AG kennt außer den Sinnesreizen überhaupt keine Faktoren, die die einigermaßen veridikale Information des Wahrnehmenden mitbedingen; sie betont ausschließlich die formativen und normativen Erlebenswirkungen von "(Gestalt)faktoren", die nach ihr auch noch mit "(Gestalt)gesetzen" (siehe unten) identisch sind.
4. Fundamental-Phänomene des Sehens: Aktualgenesen und Aktuallysen visueller Perzepte
Im Sander-Institut der Leipziger Schule der AG wurde von E.Wohlfahrt (1925/32) die "Aktualgenese" entdeckt und untersucht. Bei kontinuierlicher Steigerung der Sinnesreize erfolgt eine stufenweise Entwicklung von Perzepten von zunächst ganzheitlich-diffusen Formen über eine Reihe immer differenzierter werdender "Vorgestalten" bis hin zur veridikalen "Endgestalt". Beispiele gibt Abb. 6. In negativen Nachbildern ist meist der entgegengesetzte Prozess der "Aktuallyse" zu finden. Die Vertreter der Berliner Schule kannten die aktualgenetischen Fakten durchaus; Metzger ging auf sie ein (1954, S.324f) und bildete einige Reihen ab (Metzger 1953, S. 466). Doch niemand aus der AG konnte sie erklären oder erforschte diese Fundamental- Phänomene des Sehens weiter. Sander selbst wurde als Fälscher auf dem Gebiet der visuellen Aktualgenese entlarvt; er war es auch, der die aktualgenetische Forschung, kaum hatte sie begonnen, wieder beendete; ihre Ergebnisse widersprachen seiner Theorie. Später änderte er seine Theorie, indem er dem ersten Entwurf der ETVG (KH 1961) Grundannahmen entnahm und als seine eigenen ausgab (KH 1992b). So sind die aufregend neuen Fundamental- Phänomene des Sehens für die Wissenschaft verloren gegangen.

Abb. 6. Neunphasige Aktualgenese eines Reizmusters (Nr. 9) auf Grund optischer Reizvergrößerung (adaptiert nach Wohlfahrt, 1925/32)
Aus den in Aktualgenesen in Erscheinung tretenden Differenzierungsstufen von Perzepten wurden in der ETVG die ersten Stufen einer die visuelle Gestaltwahrnehmung bedingenden Hierarchie von Gestaltfaktoren entwickelt. Bei Aktualisierung der Faktorenhierarchie werden die spezifischen Gestaltqualitäten in der Reihenfolge ihrer hierarchischen Anordnung "von unten nach oben" ins Perzept gegeben, dieses somit differenzierend. Mit der Aktualgenese wird die Ontogenese der Entstehung der Faktorenhierarchie nachvollzogen. Unter den normalen Reizbedingungen des Alltags geschieht Aktualgenese so schnell, dass die einzelnen phänomenalen Stadien nicht bemerkt werden und nur das Gesamtergebnis erlebt wird. In der (phänomenalen) Aktuallyse mit der erlebten De-Differenzierung des Perzepts erfolgt eine (funktionale) De-Aktualisierung der Faktorenhierarchie "von oben nach unten".