Die Weltbilder der "alten" und der "neuen" Gestaltpsychologie
1. Die Gemeinsamkeiten
"Gestaltpsychologie" bezeichnet ein Sachgebiet im Rahmen ganzheitlicher Betrachtungsweise. Da sich diese Bezeichnung inzwischen praktisch als Eigenname der "Berliner Schule der Gestaltpsychologie" (auf deren Betreiben) eingebürgert hat, werden hier als Ansichten der "alten Gestaltpsychologie" (AG) vor allem die der Berliner Schule angeführt. In ihr hat sich nach ihren Gründern Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka besonders Wolfgang Metzger, ein Vertreter der 2. Generation, um den Versuch einer Begriffsklärung und einer Theorie der Gestaltpsychologie ("Gestalttheorie") bemüht. Deswegen sind es vor allem seine Aussagen, die für eine Charakterisierung der alten Gestaltpsychologie herangezogen werden. Von ihnen unterscheiden sich die Aussagen der "Neuen Gestaltpsychologie" (NG) in einer ganzen Anzahl wesentlicher Aspekte. Die für die visuelle Wahrnehmung wichtigsten Unterschiede zwischen AG und NG werden hier zusammengefasst; Detail-Aspekte finden sich im Glossar. Doch zunächst die Gemeinsamkeiten von AG und NG.
Gemeinsam ist der "alten" und der "neuen" Gestaltpsychologie die Anerkennung der phänomenalen Fakten, der Tatsachen des Erlebens, also auf visuellem Gebiet alles dessen, das man wirklich sieht, wahrnimmt, subjektiv erlebt, wenn von Umweltobjekten ausgesendetes oder reflektiertes Licht auf die Netzhaut (Retina) des Auges trifft. Tatsache ist vor allem, dass das Wahrnehmungserlebnis (Perzept) "ganzheitlich" ist, d.h. es ist "mehr als die Summe seiner Teile". So ist ein wahrgenommenes Strich-Quadrat mehr als die vier wahrgenommenen Linien, aus denen es besteht; das "Mehr" besteht hier aus der bestimmten räumlichen Anordnung dieser Linien. In vielen Fällen - man muss sogar sagen: stets und überall - nimmt man sogar die Teile selbst "irgendwie anders" wahr als nach den Sinnesreizen zu erwarten wäre, die sie letztlich verursacht haben. So sehen wir beispielsweise, dass die Seiten eines Quadrats "schön" gerade und von gleicher Länge sind, dass die einen Seiten rechtwinklig aneinanderstoßen und die anderen zueinander parallel sind und dadurch insgesamt eine "wunderbar" symmetrische Form ergeben. Und wenn die Seiten dann noch vertikal und horizontal im Raum ausgerichtet sind, ist man sehr "zufrieden", "so möchte man die Welt haben", aus solchen einfachen und regelmäßigen, solchen "prägnanten" und "guten Gestalten" bestehend. Dies ist etwa das, was der Wahrnehmende tatsächlich erlebt, wenn die Reizquelle die soeben beschriebene Form hat. Dass sich diese Reizquelle "Quadrat" dabei allerdings krumm und schief auf der Retina abbildet - denn das Auge entspricht keineswegs den Spitzenprodukten unserer optischen Industrie - beeinträchtigt das "Prägnanz"-Erleben in keiner Weise. Soviel zu den Gemeinsamkeiten von AG und NG. Worin bestehen ihre wichtigsten Unterschiede?
2. Das Eine-Welt-Modell der "alten" Gestaltpsychologie
Abb. 1 zeigt schematisch die Vorstellungen der AG über die Beziehungen zwischen Materie/Körper (M) einerseits und Bewußtsein/Seele/Geist (C=consciousness) andererseits, denn beide Faktenbereiche sind in die Wahrnehmung involviert. Die Wirkungsreihe ab den Lichtreizen (M) ist anfangs unbewusst, erst im "Endabschnitt" irgendwo in der Sehrinde werden die nunmehr physiologischen Vorgänge (M) bewusstseinsfähig, d.h. können zu Erleben (C) führen. Diesen Endabschnitt nennt die AG seit Köhler (1920) "psychophysisches Niveau". Nun darf man in Abb. 1 zwischen M und C keinen Trennstrich setzen, denn es gibt nach der Vorstellung der AG keine Trennung zwischen Materie und Bewusstsein. Es heißt: "Wir haben versucht, die Beziehungen zwischen dem unmittelbaren Erleben und der physikalischen Welt als geschlossenen Kausalzusammenhang, ohne Sprung in ein gänzlich anders geartetes Gebiet zu begreifen und in einem lückenlosen Gesamtbild darzustellen. Der Kunstgriff, der uns dies ermöglichte, war die Einsetzung des anschaulich Erlebten an die Stelle bestimmter zentralphysiologischer Prozesse" . Und weiter: "Die ...bis heute übliche Frage, ob eine Erscheinung 'noch physiologisch' erklärbar sei, oder ob es sich schon um 'rein psychologische' Gesetzmäßigkeiten handle, wird ... sinnlos. Es gibt danach nirgends eine Grenze, bei deren Überschreitung man den Bereich des Physiologischen verläßt, sondern höchstens eine solche, jenseits derer die dort herrschenden physiologischen Gesetze zugleich psychologische sind; oder...jenseits derer, die im unmittelbaren Erleben feststellbaren psychologischen Gesetze für uns bis auf weiteres der einzige sichere Hinweis auf die Art der dort herrschenden physiologischen Gesetze sind" (Metzger 1954, S. 299). Dies ist das berühmte "Isomorphie"- Theorem der AG, die eine "Gestaltidentität ...der anschaulichen Welt und ihres zentralphysiologischen Korrelats" (Metzger 1966,S. 301) annimmt. (Kursivbetonung stets im Original).

Abb. 1. Schema des monistischen Modells der Wirklichkeit
nach der Alten Gestaltpsychologie
C = Bewusstsein (consciousness), M = Materie
Man könnte nun erwarten, wenigstens einige solcher Isomorphien konkret vorgestellt zu bekommen. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten. Die eine besteht darin, die neurophysiologischen Strukturen auch in der anschaulichen Welt aufzuweisen. Das ist offenbar nicht geglückt, also werden die neurobiologischen Verhältnisse einfach für irrelevant erklärt. Die zweite Möglichkeit besteht darin, für die im Erleben vorgefundenen Strukturen gleiche Strukturen im "zentralphysiologischen Korrelat" aufzuweisen; das ist offenbar ebenso wenig geglückt.
Mit anderen Worten: Die AG kennt nur eine einzige Welt, in der physikalische, biologische, psychische und geistige Gegebenheiten eine Ganzheit bilden, eine Ganzheit freilich, die ohne klare Struktur ist.
3. Das Sechs-Welten-(Teil-)Modell der Neuen Gestaltpsychologie
Abb. 2 zeigt schematisch einen Ausschnitt aus dem Weltbild der Neuen Gestaltpsychologie, das in der ETVG, der "Empiristic Theory of Visual Gestalt Perception" (KH 1992a; 2001), und im AWM, dem Acht-Welten-Modell der Wirklichkeit (KH 2004), dargestellt wurde. Auch in diesem Modell ist die Gesamt-Wirklichkeit eine Ganzheit, aber eine solche mit einer bestimmten Struktur. Die ETVG der NG versucht zwar ebenso wie die AG, die "Beziehungen zwischen dem unmittelbaren Erleben und der physikalischen Welt" in einem "lückenloses Gesamtbild darzustellen", vermag sie allerdings nicht, wie die AG es mit einem "Kunstgriff" tut, als einen "geschlossenen Kausalzusammenhang ohne Sprung in ein gänzlich anders geartetes Gebiet zu begreifen". Vielmehr begreift die NG , wie im Folgenden aufgezeigt werden soll, jene Beziehungen in fünffacher Hinsicht anders, nämlich

Abb. 2. Schema des trialistischen Vier-Stufen-(Teil)Modells
nach der Neuen Gestaltpsychologie
M = materiale Sw, F = funktionale Sw., P = phänomenale Sw.
Konkreter genommen, sieht die Struktur der Wirklichkeit größtenteils wie folgt aus:
Die größere Differenziertheit allein garantiert freilich nicht eine bessere Brauchbarkeit des NG-Modells; es kommt auf die konkreten Details an. Hier wird zunächst die abstrakte Struktur vorgestellt; im Kapitel II wird die trialistische Struktur des visuellen Wahrnehmungssystems besprochen.
4. Erlebenstranszendente versus erlebensimmanente Erklärung des Erlebens
Erlebensimmanente Erklärung des Erlebens in der "alten" GestaltpsychologieDie AG hat bestimmte und zuvor unbekannte Wahrnehmungsfakten gefunden, die man als "Gestaltwahrnehmung" zusammenfassen kann, d.h. als Wahrnehmungen, zwischen denen Abhängigkeiten des Zusammenschlusses und der Abgrenzung bestehen, und deren Binnenbeziehungen sich nicht auf Reizbeziehungen zurückführen lassen. Da die AG keine plausible Erklärung für diese Erlebensfakten findet, d.h. das Unbekannte nicht auf Bekanntes zurückführen kann, bleibt ihr nur übrig, einen erlebensimmanenten Bereich als "Ort" der vorgefundenen Abhängigkeiten gelten zu lassen. Metzger (1966, S. 737f) schreibt: "Es handelt sich um Abhängigkeiten, deren Variablen, die unabhängigen ebenso wie die abhängigen, beide zum unmittelbar Gegebenen gehören, also beide Phänomene bzw. Bewußtseinserscheinungen sind." Im nächsten Satz erfolgt die deutliche Abgrenzung gegen die Alternativansicht: "Dies widerspricht einer offenbar vielfach als selbstverständlich vorausgesetzten.... Meinung: daß nämlich eine Theorie von Bewußtseinserscheinungen nur dann als Theorie im eigentlichen Sinne anerkannt werden dürfe, wenn sie das Erscheinende mit seinen Eigentümlichkeiten auf etwas Nicht-Erscheinendes, auf irgendwelche Eigenschaften zugrunde liegender anatomischer Strukturen oder nervöser Prozesse 'zurückführt'. " Und weiter: es gebe "kein Verbot, auch gesetzmäßige Beziehungen innerhalb des unmittelbar Gegebenen zwischen verschiedenen Merkmalen oder Momenten desselben zu suchen und darüber entsprechende Aussagen zu formulieren". Solche Aussagen machte der Autor an anderer Stelle: "Natürlicherweise erscheint zusammengeschlossen, was seiner Natur nach zusammengehört; insofern ist die natürliche Gruppierung, Gliederung und Grenzbildung, in der klaren und lebendigen Bedeutung des Wortes, sinnvoll." (Metzger 1954, S.106). So sei es z.B. nicht sinnvoll, wenn in dem folgenden (abgewandelten) Beispiel der linke Strich als Einzelstrich und der mittlere dagegen mit dem rechten zum Paar vereinigt gesehen würde: II I
NG: Metzger hat darin Recht, dass es das angesprochene Verbot nicht gibt; jede Hypothese ist erlaubt. Allerdings kommt es beim Theorienmachen darauf an, welche der angebotenen Hypothesen eine brauchbarere Theorie ergeben. Metzgers zitierte Aussage ist - schlicht gesagt - "Un-Sinn", und zwar aus folgenden Gründen:
1. "erscheint zusammengeschlossen" und "es gehört zusammen" sind zwei identische Aussagen; die eine kann nicht als Begründung und Erklärung der anderen verwendet werden. Die gleiche Zirkelhaftigkeit wiederholt sich in den Wendungen: "Natürlicherweise erscheint..., was seiner Natur nach...".
2. Ebenso wie die Aussage "Es gehört zusammen" suggeriert die Aussage "ist sinnvoll" zudem einen objektiven Tatbestand, den es jedoch nicht gibt. Es ist Sache des beurteilenden Menschen, etwas als mehr oder weniger sinnvoll oder sinnlos anzusehen. "Sinn" beruht immer auf Sinn-Erleben. Während die "Paarheit", die "Zweiheit", der beiden näher beieinander befindlichen Reize ein unmittelbares, unreflexives, Erleben ist (der Welt PC zugehörig), ist ein Sinn-Urteil eine Gegebenheit des geistigen Bewußtseins (der Welt ICC).
Erlebenstranszendente Erlebens-Erklärung in der Neuen Gestaltpsychologie
Die NG bietet in der ETVG eine erlebenstranszendente Erlebenserklärung an: ein hierarchisches System von spezifischen und erlebensjenseitigen, "funktionalen", visuellen "Gestaltfaktoren" (in der Welt PF), die bei ihrer Aktualisierung ihre spezifischen "Gestaltqualitäten" ins stets ganzheitliche Perzept geben (in der Welt PC). Nach diesem Modell befinden sich im Erlebensbereich (PC) ausschließlich die abhängigen Variablen, nicht aber die unabhängigen; diese sind als die Bedingungen des Erlebens selbst nicht-erlebt, sie sind "unbewusste", rein "funktionale" Gegebenheiten (PF). Die PC-Gegebenheiten sind abhängige Korrelate der PF-Gegebenheiten und haben keinen unmittelbaren Einfluss aufeinander. Trotzdem gibt es auch in der NG (bzw. dem AWM) erlebensimmanente Erklärungen, sie sind in der Welt ICC möglich, deren Gegebenheiten ja unabhängige Variablen darstellen und somit "ihresgleichen" beeinflussen können, wie auch die Gegebenheiten der Welt PF aufeinander Einflüsse ausüben können - "Gestaltgesetze" genannt.