VI. Die wesentlichen Charakteristika der
"Empiristic theory of visual gestalt perception" (ETVG)
- Die z. T. durch phänomenologische Analyse gewonnenen 25 Dimensionen visueller Qualitäten ("Gestaltqualitäten") werden von 25 "Gestaltfaktoren" gebildet, d.h. von definierten Klassen funktionaler Gegebenheiten, die in einer 10-stufigen Hierarchie angeordnet sind.
- Nach Maßgabe der Sinnesreizung und der auf die Reizquelle gerichteten Aufmerksamkeit werden die Gestaltfaktoren "aktualisiert", wodurch jeder seine je spezifische Gestaltqualitäts-Dimension ins stets ganzheitliche Perzept eingibt.
- Die 17 Gestaltfaktoren der untersten fünf Hierarchiestufen werden jeweils in zwei antagonistischen Funktionen aktualisiert und produzieren ihre Gestaltqualitäten in je zwei polarisierten Intensitäten.
- Es gibt kein separates Phänomen "Figur"; denn eine "Figur" erscheint ausschließlich als ein Pol des ganzheitlichen, aber polaren, Phänomens "Figur in ihrem Umfeld", das ein "Objekt in seiner Umgebung" repräsentiert. Nur durch die "richtige" Definition ist erkennbar, dass "Figur" und "Umfeld" nicht zwei verschiedene Qualitäten sind, sondern nur zwei Intensitäten ein und derselben Qualitätsdimension. Diese Bezogenheit der Pole einer Qualitätsdimension aufeinander gilt für alle polarisierten Gestaltqualitäten.
- Ein und derselbe Sinnesreiz kann zu einer großen Anzahl sehr verschiedener visueller Perzepte führen. Dies ist bedingt sowohl durch die "Aktualgenese" (Aktualisierung der Gestaltfaktoren-Hierarchie "von unten nach oben"), die eine stufenweise Differenzierung und Bereicherung des Perzepts bewirkt, als auch durch den Gegenprozess, die "Aktuallyse" (De-Aktualisierung dieser funktionalen Hierarchie "von oben nach unten"), die zur stufenweisen phänomenalen Entdifferenzierung des Perzepts führt.
- Die Gestaltfaktoren sind Gedächtnisinhalte, die in den ersten Lebenswochen und -monaten implizit erworben worden sind. Dabei führen die 17 eingeprägten Beziehungen und Beziehungs-Beziehungen zwischen den die einzelnen Rezeptoren treffenden Lichtreizen zur räumlichen und zeitlichen (aber noch formlosen) Figur/Umfeld- Wahrnehmung, während die eingeprägten Beziehungen und Beziehungs-
Beziehungen zwischen den die sakkadischen Blickbewegungen verursachenden Augenmuskel- Innervationen die Orientierungs- und Formwahrnehmung bedingen.
- Da die Gestaltfaktoren - als Gedächtnisinhalte - assoziativ miteinander und mit der Aufmerksamkeitszuwendung verbunden sind, ergibt sich eine große Anzahl definierter Wechselwirkungen ("Gestaltgesetze") zwischen den Gestaltfaktoren, durch die wiederum eine große Menge an Laboratoriumsbefunden erklärt werden kann.
- Die visuellen Körperfunktionen (verantwortlich für die "reizadäquate" Schwarz-Weiß- sowie die Farb-Wahrnehmung) im Verein mit sechs auf den untersten fünf Hierarchiestufen angesiedelten Gestaltfaktoren für die statische, zweidimensionale Figur/Umfeld- Wahrnehmung stimmen ziemlich gut überein mit den neurophysiologisch gesicherten Funktionen der Zellen auf den untersten sechs Stufen des parvocellulären Pfads, angefangen von den Rezeptoren über die retinalen Ganglienzellen, LGN, V1 und V2 bis hin zu V4.
- Auch lassen sich die Formen der rezeptiven Felder der visuellen Neurone aus demselben generellen Gesetz zur Bildung rezeptiver Felder ableiten, aus dem auch die Formen der rezeptiven Felder der Gestaltfaktoren hergeleitet wurden, über die die antagonistischen Gestaltfunktionen aktualisiert werden und so die polaren Gestaltqualitäten des Perzepts erzeugen.
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