V. Ergebnisse der Neurophysiologie bestätigen die Voraussagen der "Empiristischen Theorie der visuellen Gestaltwahrnehmung"
1. Gestaltfaktor und Neuron haben identische Eigenschaften
In Tab. 1 wurden in die linke Spalte sieben wohlbekannte Eigenschaften eines Neurons eingetragen. In die rechte Spalte wurden sieben - unabhängig von denen der Neuron-Eigenschaften gefundene - Eigenschaften eines jeden visuellen Gestaltfaktors der untersten fünf Hierarchiestufen der statischen, 2-dimensionalen Figur-Umfeld-Wahrnehmung eingetragen. Wie sich aus der Gegenüberstellung ergibt, wurden in der Theorie den Gestaltfaktoren die gleichen Eigenschaften zugeordnet, die empirisch als Eigenschaften der Neurone gefunden wurden. Damit werden die Erregungsfunktionen des Neurons durch die Aktualisierungsfunktion des Gestaltfaktors adäquat beschrieben - mit allen Konsequenzen, die dadurch eine auf dieser Gleichheit aufbauende Theorie der visuellen Wahrnehmung sowohl für die Interpretation vorhandener als auch für die Vorhersage noch unbekannter neurophysiologischer Befunde in der Erforschung der visuellen Wahrnehmung hat.
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Neuron |
Gestaltfaktor |
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1) Eine Klasse von Neuronen wird erregt |
Eine Klasse von Gestaltfaktoren wird aktualisiert |
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2) durch einen Reiz, |
durch einen Gestaltreiz, |
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3) falls der Reiz eine Mindeststärke besitzt (Reizschwelle). |
falls der Gestaltreiz eine Mindeststärke besitzt (Aktualisierungsschwelle). |
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4) Wenn der Reiz unterschwellig bleibt, kann das Neuron durch zusätzliche Reize erregt werden |
Wenn der Gestaltreiz unterschwellig bleibt, kann der Gestaltfaktor durch zusätzliche Gestaltreize aktualisiert werden |
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5) Je stärker der Reiz, um so stärker die Gesamterregung der Neuronenklasse |
Je stärker der Gestaltreiz, um so stärker die Gesamtaktualisierung der Gestaltfaktorenklasse |
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6) Es gibt zwei antagonistische Funktionen des Neurons: Förderung und Hemmung |
Es gibt zwei antagonistische Funktionen des Gestaltfaktors: eine "positive" (+) und eine "negative" (-) |
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7) Die Erregung eines visuellen Neurons erfolgt über ein Retina-Areal von bestimmter Form ("rezeptives Feld") |
Die Aktualisierung eines Gestaltfaktors erfolgt über ein Retina-Areal von bestimmter Form ("rezeptiver Bezirk") |
Tab. 1. Korrespondenzen zwischen den generellen Funktionen
von Neuron und Gestaltfaktor (nach ETVG, 3-6)
2. Theoretisch abgeleitete und neurobiologisch gefundene Hierarchie visueller Funktionen stimmen überein.
Während Tab. 1 die Übereinstimmung der generellen Funktionologie des Neurons und der generellen Funktionologie des Gestaltfaktors zeigt, geht aus Tab. 2 die Übereinstimmung der Hierarchie spezifischer visueller Neuronenklassen mit der Hierarchie spezifischer Klassen visueller Gestaltfaktoren hervor. Die Wahrnehmungsfunktionen der an der visuellen statischen, 2-dimensionalen Figur/Umfeld-Wahrnehmung beteiligten Klassen von Neuronen der parvocellulären Bahn von den retinalen Ganglienzellen bis zum kortikalen Areal V4 entsprechen den in der ETVG für dieselbe Wahrnehmungsleistung abgeleiteten Funktionen der untersten fünf Hierarchiestufen, und zwar in der gleichen hierarchischen Abfolge.
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psychical level |
matters |
functions |
phenomena |
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5 |
visual area 4 |
Fl+ / Fl- |
figure / outfield |
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4 |
visual area 2 |
Ll+ / Ll- |
line / field |
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3 |
visual area 1 |
Gml+ / Gml- |
inhomogeneity / homogeneity |
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2 |
lateral geniculatum nucleus (LGN) |
Dm+ / Dm- |
differences in brightness and location |
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1 |
retinal ganglion cells |
Pml+ / Pml- |
brightness / darkness |
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physical level |
receptors |
Zm, Zl |
-------------- |
Tab. 2. Die Korrespondenzen zwischen den Gegebenheiten der materialen, funktionalen und phänomenalen Seinsweise des statischen, 2-dimensionalen visuellen Wahrnehmungssystems auf der physischen und psychischen Evolutionsstufe (erweitert nach ETVG, 3-28)
3. Die Beziehung der Alten Gestaltpsychologie zur Neurophysiologie
Welche Beziehung die AG zur Neurophysiologie hat, sagt Metzger (1953, S. 465):
"Daß das Gehirn aus einem Gewirr von Fasern und Zellen besteht, ist aber noch nicht die grundlegende Erkenntnis; denn das gilt in gewissem Sinne auch für ein Fernsprechamt.... Noch grundlegender ist die Tatsache, daß es, wie der ganze lebende Körper, ein System von fein verteilten Flüssigkeiten ist,...Nicht Schalter und Leitungsdrähte, sondern die Luftbläscrhen auf der Kaffeetasse und die Fettaugen auf der Suppe gehören...zu der Art von Gebilden, mit deren Verhalten man sich auseinandersetzen muß, um Auskunft über die Geschehens-Möglichkeiten im Gehirn zu erhalten."