Zur Geschichte der Empiristischen Theorie der
visuellen Gestaltwahrnehmung

von Lothar Kleine-Horst

1961 - Psychologie der Ontogenese und Aktualgenese des Sehens

Während meines Psychologiestudiums in Köln entdeckte ich verschiedene Merkwürdigkeiten der "klassischen" Gestaltpsychologie, die ich für das Diplomexamen zu "lernen" hatte, die ich aber dieser Merkwürdigkeiten und Widersprüche wegen zu verstehen Schwierigkeiten hatte. Vorab dies: Die Gestaltpsychologie leitete sich aus Erkenntnissen des Philosophen Christian v. Ehrenfels ab, der so genannte "Gestaltqualitäten" in der Wahrnehmung entdeckt hatte. Diese sind Erlebensqualitäten, die auf Anordnungsbeziehungen zwischen den "Elementen" (z.B. Helligkeiten) beruhen. So besteht das Erleben eines schwarzen Strichquadrats in weißem Umfeld nicht nur aus kleinen und großen "Helligkeiten", sondern auch aus "Linien", entsprechend den räumlichen Anordnungen dieser Helligkeiten, und aus "Rechtwinkligkeit", die sich wiederum aus den Anordnungen der Linien ergibt.

Es waren vor allem zwei Merkwürdigkeiten, die mich verwunderten:

  1. Die alten Gestaltpsychologen betonten zwar stets ihr oberstes Prinzip: den Vorrang der Phänomenologie (der Beschreibung des Erlebens vor aller Erklärung), waren aber offenbar bereit, bedenkenlos gegen dieses Prinzip zu verstoßen. So definierte der Leipziger Gestaltpsychologe Friedrich Sander (1928, S. 27) die erlebte „Gestalt“ als Abgesetztheit (vom Umfeld)  und Gegliedertheit (Geformtheit). Da er beim Erleben eines Kreises und einer Geraden aber keine Gliederung fand, sagte er einfach, die Gliederung sei in diesen Fällen „fließend“, und sein Kollege H. Volkelt (1934, S.18) sprach von „Gliedverschliffenheit“, eine Sprachregelung, die sogar vom Leipziger Theoretiker Albert Wellek (1953, S. 63) glatt akzeptiert wurde. Doch ist im Seherlebnis "Kreis" und "Gerade" weder etwas von einem "Fließen" zu finden noch von Schleifspuren. Das heißt: alle drei Gestaltpsychologen ignorierten einfach die phänomenale Tatsache, dass es Wahrnehmungsgegebenheiten gibt, die nur abgesetzt sind, aber keine Gliederung, keine Form, d.h. keine "Gestalt", besitzen.  Da sie das Wort "Gestalt" aber bereits zu ihrem Markenzeichen erhoben hatten, hatte halt jede "Gestalt" (gemäß obiger Definition) auch gegliedert zu sein. So ignorierten die damaligen Gestaltpsychologen (einschließlich der Berliner Gestaltpsychologen, wie ich später erfuhr) den fundamentalen Unterschied von "Figur" (Abgesetztheit) und "Form" (Gegliedertheit).
  2. 20-25 Jahre zuvor waren in nur wenigen Veröffentlichungen zwischen 1932 bis 1940 über Experimente aus dem Sander-Institut erstaunliche und bisher völlig unbekannte visuelle Phänomene berichtet worden, die Aktualgenese genannt wurden. Ein visuelles Wahrnehmungserlebnis (Perzept) ist unter bestimmten Bedingungen beim Auftreffen der Lichtreize auf die Retina nicht einfach sofort „da“, sondern beginnt meist mit einem zunächst  konturlosen „Flecken“, der sich bei kontinuierlicher Reizverstärkung über mehrere Stufen von „Vorgestalten“ jeweils größerer Differenziertheit bis hin zum volldifferenzierten Perzept ("Endgestalt") entwickelt. Es war zu erwarten, dass die Erforschung der Aktualgenese der Psyche (hier: in der visuellen Wahrnehmung) der Psychologie den gleichen Forschungsschub geben würde, den die Biologie durch die Erforschung der Ontogenese des Körpers erhalten hatte. Mich wunderte, dass die Psychologen unfähig gewesen waren, den "Gang" der beobachteten Entwicklungsstufen zu beschreiben, geschweige denn ihn zu erklären., ja, dies gar nicht erst versucht hatten, während ich sofort die „Logik“ der stufigen Abfolge der "Vorgestalten“ durchschaute, einschließlich des zuweilen gegenläufigen Vorgangs der Aktuallyse ("Morpholyse"). Für den Beginn einer wenn auch nur ganz allgemeinen Erklärung der aktualgenetischen Phänomene stand ihnen sogar ein theoretisches Konzept zur Verfügung. Denn nach dem "Haupt" der Leipziger Gestaltpsychologen, dem Philosophen Felix Krueger, wird das Erleben durch die erlebensjenseitige „Struktur“ bedingt; diese ist nach ihm "transphänomenales seelisches Sein".

So habe ich denn 1961 als Student aufgrund von Merkwürdigkeiten, Fehlern und Defiziten der Berliner und Leipziger Gestaltpsychologie die "Theorie der optischen Gestaltwahrnehmung" entwickelt, in der ich (unter anderem) die Erkenntnisse der Philosophen Christian v. Ehrenfels und Felix Krueger miteinander verband, die Fehler der alten Gestaltpsychologie korrigierte, aus visuellen Perzepten die Gestaltqualitäten herausanalysierte, diese gemäß den Stufen der Aktualgenesen in eine hierarchische Anordnung "von unten nach oben" brachte, jede Gestaltqualität einer sie bedingenden Gestaltfunktion (oder Gestaltfaktor) zuordnete und diese als Gegebenheit des phänomenbedingenden, selbst aber transphänomenalen, seelischen Seins ansah. Ich bezeichnete diesen "Teil" des Seins als "funktionalen Seinsbereich" (heute: "funktionale Seinsweise") und verlieh ihm die gleiche ontologische Dignität wie der "materialen Seinsweise" (Materie) und der "phänomenalen Seinsweise" (Bewusstsein), wobei die funktionale Seinsweise "zwischen" Materie und Bewusstseins "liegt". Damit wurde zugleich ein neues Weltbild geschaffen, das entsprechend den Bezeichnungen "Monismus" und "Dualismus" als "Trialismus" zu bezeichnen ist.

Im übrigen ergab sich eine klare Unterscheidung zwischen der das "Figur"-Erleben bedingenden funktionalen Hierarchie und der auf dieser aufbauenden und das "Form"-Erleben bedingenden funktionalen Hierarchie. Ich konnte diese Hierarchien darüber hinaus als ontogenetisch durch unbewusste ("implizite") Lernprozesse entstanden glaubhaft machen (heute nachweisen, d.h. ableiten). Nach dieser ihrer Ontogenese werden die Gestaltfunktionen durch nachfolgende Sinnesreize "aktualisiert", und zwar in der Reihenfolge ihrer hierarchischen Anordnung „von unten nach oben“. Erst dadurch entsteht das - sich fortlaufend differenzierende - Perzept („Aktualgenese“). Bei Reizverminderung erfolgt der umgekehrte Prozess der De-Differenzierung infolge  De-Aktualisierung der Gestaltfunktionen "von oben nach unten". Und weil die Gestaltfunktionen als Gedächtnisinhalte miteinander assoziativ verknüpft sind, ergeben sich viele gegenseitige Einflussbeziehungen (“Gestaltgesetze“).

 

1962-1969 - Die Vernichtung des Wissens von der Psychogenese des Sehens

Es entspricht allgemeiner Erfahrung in der Wissenschaft, dass eine plausible Theorie sofort von einer Anzahl Wissenschaftler aufgegriffen wird, besonders dann, wenn es an einer solchen Theorie seit langem mangelt und sie auch noch den Grundannahmen dieser Wissenschaftlergruppe entspricht. Es sei denn, ihre Bedeutung würde gar nicht erfasst (wie zum Beispiel im Falle der Vererbungsregeln des Gregor Mendel). Wenn aber alle diese Bedingungen gegeben sind,  und sie waren im Falle meiner Theorie gegeben, dann ist ihr Siegszug durch die internationale Wissenschaft sicher, und sie wird u.U. rasch zur Standardtheorie, die die wissenschaftliche Welt zitiert, sie zur Erklärung von Phänomenen anwendet und gar versucht, sie weiter zu entwickeln, bis sie von einer besseren abgelöst wird.

Meine Theorie war plausibel, differenziert, erklärungsträchtig, ihre Bedeutung wurde sofort von zwei Wissenschaftlern, denen ich sie vorlegte, erkannt, und diese waren Leipziger Gestaltpsychologen, deren Grundanahme von der Existenz erlebensjenseitiger Erlebensbedingungen die Theorie entsprach. Der eine Wissenschaftler war mein Lehrer, der Sander-Schüler Udo Undeutsch, Köln. Er sagte mir: „Herr Kleine-Horst, Sie gehen da andere Wege, und ich bin bereit mitzugehen.“ Der Undeutsch-Lehrer Friedrich Sander, Bonn, schrieb mir einen begeisterten Brief und versprach nach Erledigung dringender Arbeiten eine ausführliche Lektüre, er habe "den bestimmten Eindruck, dass sich das für mich lohnt.“ Die Theorie hätte ihren Siegeszug beginnen können - es sei denn........ , sie wäre Wissenschaftsgaunern in die Hände gefallen. Erst in den 80er Jahren habe ich erkannt, wie sehr sich für Sander die Lektüre meiner Theorie wirklich gelohnt hatte. Er ließ damals trotz Nachfrage meinerseits nichts mehr von sich hören; denn er war von meiner Theorie so sehr begeistert, dass er nicht umhin konnte, ihre aktualgenetischen Kernhypothesen als seine eigenen auszugeben, freilich so, dass mir nach menschlichem Ermessen sein geistiger Diebstahl nicht auffallen würde, doch auch so, dass sie damit auch nicht ihm, dem wesentlich Älteren, zu seinen Lebezeiten zugeschrieben werden konnte. So verteilte er sein Diebesgut auf drei Artikel des Jahres 1967, und er fand einen Kollegen, der dafür sorgte, dass „sein“ neues Konzept der Aktualgenese auf keinen Fall heute, aber irgendwann einmal von seinem Biographen "entdeckt" werden könnte. (Leseproben zu "Sanders letzter Coup"): Dass auch Prof. Undeutsch trotz seiner Zusage „mitzugehen“ dennoch nicht mitging, lag an der gegenseitigen Abhängigkeitsbeziehung zwischen ihm und Sander - die ich in meinem Mafiabuch (1998) aufgezeigt habe. Damit war der neue Forschungsansatz der visuellen Aktualgenese gestorben. Eine organische Weiterentwicklung der Wahrnehmungswissenschaft war nicht mehr möglich. Diese Wissenschaft ging von nun an international in die Irre, weil den nachfolgenden Wissenschaftlern die fundamentalen ontogenetischen und aktualgenetischen Fakten des Sehens unbekannt blieben.

 

1985-2005 - Vertuschung der Wissenschaftskriminalität durch die Berufsorganisationen

In den 80er Jahren gab es für die Wahrnehmungswissenschaft dadurch eine neue Chance, die neue Theorie kennen zu lernen, dass ich 1984/85 die wissenschaftskriminellen Handlungen des Prof. Friedrich Sander und die Mitwirkung seiner Schüler, der heutigen Professoren Udo Undeutsch, Köln, und Carl Friedrich Graumann, Heidelberg, entdeckte und sie ab 1985 drei verschiedenen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) mitteilte mit der Bitte um eine Stellungnahme. Ergebnis: Alle schmetterten die Vorwürfe ab. Mindestens vier Psychologen waren in dieser Zeit bereit, eine Rezension des Betrugsbuchs zu schreiben. Sie wurden offenbar zurückgepfiffen; keine Rezension erschien. Mit dem Bekanntwerden des „Fehlverhaltens“ in der Wissenschaft wären die aktualgenetischen Fundamentalfakten des Sehens wieder ins Bewusstsein zurückgerufen worden und die Empiristische Theorie des Sehens wäre, wenn auch mit 25-jähriger Verspätung, doch noch zur Geltung gekommen. Aber die deutsche Psychologenschaft schützte flächendeckend ihre hochrangigen Wissenschaftsgauner vor Unbill. Und so geht die internationale Wahrnehmungswissenschaft weiter in die Irre - bis auf den heutigen Tag, 80 Jahre lang, seit 1925.

 

1985 - 2000:  Weiterentwicklung der Empiristischen Theorie des Sehens

Trotz der ungeheuren emotionalen und zeitlichen Belastung des jahrelangen Kampfes gegen die geballte Macht korrumpierter Wissenschaftler und Wissenschaftsfunktionäre habe ich in dieser Zeit mein 1961er Theoriemanuskript zur Publikationsreife weiterentwickelt, zunächst die Hierarchien der Figur- und der Formwahrnehmung in Deutsch (1992). Ich hatte zunächst 6 Wochen veranschlagt, es wurden 6 Jahre; ich fand immer wieder Neues. Dann erschien die englische Fassung mit ihrer Erweiterung um die Theorie der Gestaltgesetze und ihre Anwendung (2001). In diesem Buch stellte ich auch erstmals eine konkrete Beziehung zur Neurophysiologie her, indem ich nachwies, dass die theoretisch als Gedächtnisinhalte abgeleiteten Gestaltfunktionen der untersten 5 Stufen der statischen, 2-dimensionalen visuellen Gestaltwahrnehmung (Figurwahrnehmung), den visuellen Funktionen von Neuronenklassen entsprechen, die von den Neurobiologen bereits empirisch aufgefunden worden waren. (Inzwischen wurden auch die Neuronenklassen gefunden, die die in der 6. Hierarchiestufe der Theorie angesiedelten Funktionen der ganzheitlichen Mengenwahrnehmung ausüben.)

Nach ihrem Druck im Eigenverlag Anfang 2001 habe ich die "Empiristic theory of visual gestalt perception"  20  auf Seite 0-50f namentlich genannten international bekannten Wissenschaftlern zugesandt, die auf dem Gebiet der visuellen Wahrnehmung arbeiteten, und sie um ein paar Worte der Beurteilung gebeten. Ich bekam zunächst von niemandem eine Antwort, nach einer zweiten Bitte antwortete mir etwa die Hälfte -  mit ein paar verhalten-wohlwollenden Worten. Keiner von ihnen äußerte sich negativ, wenn ich mal von zwei aggressiven Zuschriften absehe, deren Autoren mit der Außersinnlichen Wahrnehmung Probleme hatten, die ich auf den ersten Seiten erwähnt hatte. Konkret zur Sache selbst hat sich jedoch nicht ein einziger geäußert. Und in den nachfolgenden 4 ½ Jahren fand ich in keinem Buch oder Zeitschriftenartikel von ihnen auch nur die Erwähnung meiner Theorie.

Da kann einem schon der Gedanke kommen: die Wissenschaft wäre sicher viel weiter, gäb's die Wissenschaftler nicht.

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