Die trialistische Struktur der visuellen Wahrnehmung
1. Die Gestaltfaktoren-Hierarchie der statischen, zweidimensionalen visuellen Figur/Umfeld-Wahrnehmung
Was in Abb. 2 und ihren Erläuterungen nur angedeutet und sehr abstrakt formuliert wurde, wird jetzt etwas näher und konkreter für die visuelle Wahrnehmung ausgeführt. Abb. 3 zeigt, dass an der visuellen Wahrnehmung vor allem zwei Evolutionsstufen beteiligt sind: die physische und die psychische, ferner drei Seinsweisen: die materiale, die funktionale und die phänomenale Seinsweise. Die "Schnittstellen" zwischen den das visuelle System vertikal untergliedernden Evolutionsstufen und den das System horizontal untergliedernden Seinsweisen sind vier definierbare "Welten": die Körpermaterie (VM), die Körperfunktionen (VF), die psychischen Funktionen (PF = Gestaltfaktoren/ -funktionen) und die psychischen Bewusstseine (PC = Gestaltqualitäten)

Abb. 3. Trialistisches Schema der visuellen Figur/Umfeld-Wahrnehmung
(nach ETVG, Fig. 1-4)
Die auf jeden Rezeptor der Retina eines Auges auftreffenden Lichtsinnesreize aktualisieren eine Hierarchie von spezifischen Körpermaterien Y (Vitalmaterien VM), deren spezifischen Körperfunktionen Z (Vitalfunktionen VF) später den Zeitpunkt Zt, den Ort Zl (Raumrichtung) und die Modalität Zm (Helligkeit, Farbe) erleben lassen. Diese Vorgänge laufen in der materialen bzw. funktionalen Seinsweise ab, nicht aber in der phänomenalen Seinsweise, d.h. es wird subjektiv noch nichts, weder Helligkeit noch Farbe, noch Zeitpunkte und Orte, erlebt. Die später erlebte Helligkeit entspricht der Lichtintensität (Leuchtdichte), der dann erlebte Farbton der Wellenlänge des Lichts. Durch Kombination mit den auf die Retina des zweiten Auges auftreffenden (fast) gleichen Reizen entsteht die Funktion Zd, durch die die Reizquelle später in einer gewissen Tiefe (d.h. der 3. Raumdimension) wahrgenommen wird. Alle bisher geschilderten Vorgänge sind genetisch vorgegeben, deshalb werden sie dem Körper zugeordnet. Diese genetische Ausstattung bringt der Mensch bei seiner Geburt mit.
Mit der Geburt setzen andere Prozesse ein, und zwar individuelle Lernprozesse; sie werden der psychischen Evolutionsstufe (bzw. Persönlichkeitsschicht) zugeordnet, und zwar der Welt der Psychischen Funktionen (PF). Auf Grund von Lernprozessen entsteht zunächst eine Hierarchie von sechs Gedächtnisinhalten, die als Gestaltfaktoren die Figur/Umfeld- Wahrnehmung bedingen. Darüber weiter unten mehr. Im Augenblick soll nur angedeutet werden, wie diese Faktoren die Kontur einer Figur bedingen. Eine Figur ist ein Teil des Gesamtwahrnehmungsfeldes, der sich gegen den Rest dieses Feldes durch eine Umschließungslinie abgrenzt; Beispiel: "Mond am Himmel". Der erste Faktor Pml lässt Helligkeit bzw. Farbe (m) an einem Ort (l) erleben. Mit einem der danach entstehenden Faktoren, dem Faktor Dm, kann das Baby nun auch Unterschiede von Helligkeiten bzw. Farben wahrnehmen, mit dem Faktor Dl auch Ortsunterschiede. Der Gestaltfaktor Gml detektiert den "lokalen Helligkeitsgradienten", d.h. das quantitative Verhältnis von Dm/Dl. Dieses ist im Falle des Mondrandes sehr groß, denn da gibt es zwischen hellem Mond und dunklem Himmel einen sehr großen Helligkeitsunterschied auf kleinstem Ortsunterschied (eine "abrupte" Helligkeitsänderung). Sie wird als "Inhomogenität" erlebt. Alle diese Inhomogenitäten sind in einer Reihe angeordnet, die vom Gestaltfaktor Ll als "Linie" erlebt wird. Diese Linie läuft in sich zurück und wird daher mit Gestaltfaktor Fl als "geschlossen" erlebt. Diese sechs Faktoren lassen also den geschlossenen Rand eines Objekts wahrnehmen, allerdings nur dann, wenn sie durch im Augenblick wirkende Sinnesreize "aktualisiert" werden, andernfalls bleiben sie inaktiv. Das von einem Gestaltfaktor produzierte Erlebnis heißt "Gestaltqualität" (z.B. Helligkeit, Helligkeitsunterschied, Inhomogenität usw.)
2. Materiale Komplementarität, funktionaler Antagonismus und phänomenale Bipolarität
Die soeben angeführten Gestaltfaktoren können noch mehr; sie detektieren nicht nur den Rand eines Objekts, sondern auch dessen (Ober)Fläche und Umgebung. Am Beispiel des "Mond am Himmel" heißt dies: Pml nimmt die (große) Helligkeit des Monds und die (kleine) Helligkeit bzw. die große Dunkelheit des Himmels wahr; denn jeder Gestaltfaktor wird stets zweifach in antagonistischer Stärke aktualisiert, wie Abb. 4 zeigt. Der Dm-Faktor lässt kleine und große Helligkeitsunterschiede und Dl kleine und große Ortsunterschiede wahrnehmen, Gml kleine Homogenität am Objektrand und große Homogenität der Mondfläche und des Himmels, Ll die "Grenzlinie" (mit den Gml-Inhomogenitäten) ebenso wie die von der Linie abgegrenzten "Felder" (mit den Gml-Homogenitäten), der Faktor Fl die Geschlossenheit der Ll-Grenzlinie und des konturumschlossenen Ll-Infeldes einerseits und die Offenheit des Ll- Umfelds andererseits. Die Kontur (Grenzlinie) "gehört" zum Infeld und nicht zum Umfeld; Kontur und Infeld bilden die "Figur". Bei starker Alktualisierung eines Gestaltfaktors bzw. großer Intensität seiner Gestaltqualität bekommt das Faktorsymbol als Index ein Plus (+), im Falle schwacher Aktualisierung bzw. geringer Intensität ein Minus (-).

Abb. 4: Die Polaritäten der Gestaltqualitäten Pml bis Fl
Der AG sind diese Art Gestaltfaktoren, ihre hierarchischen Beziehungen und ihre antagonistische Aktualisierung völlig unbekannt. Ebenso unbekannt ist ihr die Polarität der Gestaltqualitäten. Beide Pole bilden eine Einheit oder "Ganzheit", sind also nicht voneinander zu trennen. Dem Antagonismus der Gestaltfaktoren in der funktionalen Seinsweise entspricht eine Polarität der Gestaltqualitäten in der phänomenalen Seinsweise. Und beiden entspricht Komplementarität in der materialen Seinsweise, denn die je zwei materialen Bereiche der Retina, über die die antagonistischen Funktionen aktualisiert werden, befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft nebeneinander; keiner der Bereiche ist überflüssig, beide sind notwendig, beide ergänzen sich, sie sind komplementäre Bereiche. Gerade in der Triade "materiale Komplementarität - funktionaler Antagonismus - phänomenale Polarität" präsentiert sich die trialistische Struktur des Wahrnehmungssystems
Wenigstens die (Bi)Polarität von Figur und Umfeld hätten die Verteter der AG im Laufe der Jahrzehnte finden müssen, denn sie ist eine Erlebenstatsache. Man kann sich keine Figur vorstellen (oder sie zeichnen) ohne zugleich auch "ihr" Umfeld, und man kann kein Umfeld zeichnen ohne die Figur, deren Umfeld sie ist. Das Gleiche gilt für Grenzlinie und Feld, keines ist ohne das andere vorstellbar oder zu zeichnen möglich, und somit auch nicht wahrnehmbar.